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Compliance bei internationalen Versicherungsprogrammen (IVPs)

27.09.2016RechtVersicherungswirtschaft. Compliance, Risikomanagement

von Dirk Wegener

Bei der Gestaltung der Versicherungsprogramme für international tätige Unternehmen müssen vielfältige versicherungsaufsichtsrechtlichen Regelungen in diversen Ländern eingehalten werden, um „compliant“ zu sein. Dies wäre an sich kein Problem, wenn diese Reglungen den besonderen Marktgegebenheiten für IVPs entsprechen würden. Warum dies aktuell nicht der Fall ist und welche Nachteile daraus für die Unternehmen aber auch für die regulierenden Länder selber erwachsen, soll in diesem Beitrag erläutert und eine Lösungsmöglichkeit aufgezeigt werden.


Die aus nachvollziehbaren Gründen dominierende gesellschaftliche Perspektive auf den jeweiligen nationalen Versicherungsmarkt ist die verlässliche Absicherung individueller Lebensrisiken der Bürgerinnen und Bürger. Entsprechend der Nachfrage ist ein vollumfängliches Angebot privater Versicherungen gesichert, auch weil sich die versicherungsaufsichtsrechtlichen Bestrebungen auf Ziele des Konsumentenschutzes und den Aufbau bzw. Schutz nationaler Versicherungsmärkte fokussierten.

Bei der Gestaltung von IVPs treff en vor allem international tätige Unternehmen auf einen vollständig anderen Versicherungsmarkt. Die Akkumulierung von Unternehmenswerten in Milliardenhöhe durch international diversifi zierte Beschaff ungs-, Produktions- und Vertriebsprozesse erzeugt Spitzenrisiken, die auf ein vergleichsweise begrenztes Angebot an Versicherungsschutz treffen, dass durch dysfunktionale versicherungsaufsichtsrechtliche Regelungen zusätzlich begrenzt wird.

Ein Beispiel: Ein produzierendes Unternehmen hat seinen Sitz und die Entwicklung in Land 1, produziert durch eine Tochtergesellschaft ein Produkt X in Land 2 und vertreibt dieses Produkt über weitere Tochtergesellschaften auch in den Ländern 3 bis 15. Eine Risikoanalyse hat ergeben, dass durch eines oder mehrere mangelhafte Produkte X Produkthaftpfl ichtansprüche in Höhe von € 500 Millionen denkbar sind und es wurde eine entsprechende Haftpflichtversicherung am Sitz in Land 1 abgeschlossen. Da auch in Produktion und Vertrieb Fehler passieren können, die diese Produkthaftpflichtansprüche auslösen könnten, müsste aus Risikomanagementperspektive eigentlich in jedem Land 1 bis 15 eine Haftpflichtversicherung in Höhe von € 500 Millionen abgeschlossen werden.

Andererseits ist es aber nicht ausgeschlossen, dass eine Kette mehrerer Fehler über Entwicklung, Produktion und Vertrieb hinweg zu einer ehrfachen, geteilten Haftung für einen Gesamtschaden führt, so dass die € 500 Millionen tatsächlich mehrfach gebraucht werden könnten. Deshalb limitiert die Versicherungswirtschaft die angebotene Gesamtkapazität für alle Länder 1 bis 15 des Unternehmens regelmäßig auf bspw. einmal € 500 Millionen, um ihr potentielles Kumulrisiko zu begrenzen. Möglich und üblich ist aber die Mitversicherung aller Tochtergesellschaften in den Ländern 2 bis 15 in der Haftpfl ichtversicherung in Land 1; also gesamthaft mit € 500 Millionen. Diese Mitversicherung wird aber faktisch regelmäßig regulatorisch unterbunden, da in vielen Ländern ein sog. non-admitted Verbot besteht, d. h. es ist nicht gestattet, sich außerhalb des jeweiligen Landes zu versichern (im Beispiel die Länder 2 bis 15 gesamthaft in Land 1). Dies führt im Zusammenwirken mit der nur einmal in Land 1 verfügbaren Versicherungskapazität dazu, dass andere Haftungsansprüche in den Ländern 2 bis 15 letztlich doch nicht versichert sind, obwohl das Unternehmen eigentlich Versicherungsschutz eingekauft hat.

Diese Situation ist nicht zufriedenstellend. Entsprechend haben sich in einer aktuellen Umfrage unter Risiko- und Versicherungsmanagern, die von den Assoziationen FERMA (Federation of European Risk Management Associations), RIMS (Risk and Insurance Management Society) und PARIMA (Pan-Asia Risk and Insurance Management Association) vertreten werden, 67% dafür ausgesprochen, dass die derzeitigen Regelungen reformiert werden sollten. Der globale Dachverband dieser Assoziationen IFRIMA (International Federation of Risk and Insurance Management Associations) wird deshalb den global tätigen Versicherern und Makler vorschlagen, eine Task Force zu gründen, um gemeinsam Reformen anzustoßen.

Befragt nach möglichen Zielen der Reformen hat sich eine Mehrheit (59%) der Risiko- und Versicherungsmanager dafür ausgesprochen, dass auch eine Versicherung dezentraler Schäden über zentrale IVPs erlaubt sein sollte, und zwar in Ergänzung zu bzw. im Anschluss an für das jeweilige Unternehmen dezentral noch verfügbaren Versicherungsschutz (sog. Non-admitted Difference in Conditions/ Difference in Limits Versicherung), im Beispiel also nach dem in den Ländern 2 bis 15 für die dort jeweils ansässigen Tochterunternehmen noch angebotenem Versicherungsschutz.

Dies ist aus folgenden Gründen ein sachgerechter Ansatz:

  1. Im Großschadenfall steht auch dezentral die volle, zentral eingekaufte Versicherungskapazität zur Verfügung und z. B. ein Wiederaufbau von Produktionsstätten oder eine Entschädigung lokaler Anspruchsteller wäre fi nanziell gesichert.
  2. Damit würden IVPs einen nennenswerten Beitrag zur Schließung der sog. Protection Gap, also der Diff erenz von volkswirtschaftlichem Schaden und dem versicherten Anteil daran, leisten, gerade auch bei Naturkatastrophen in weniger entwickelten Ländern.
  3. Auch international diversifi zierte Unternehmen leisten damit ihren angemessenen Beitrag zum Aufbau lokaler Versicherungsmärkte.
  4. Durch den Abschluss der dezentral verfügbaren Versicherungen werden lokale Besonderheiten berücksichtigt, bspw. Beiträge zu nationalen Versicherungspools für spezielle Risiken.
  5. Die dezentralen Tochtergesellschaften erhalten unmittelbar Zugang zu lokalen versicherungsbezogenen Leistungen, z. B. Risiko-Beratung zur Schadenverhütung und Schadenregulierung.

Um dies möglich zu machen, müssen die Versicherungssaufseher und die Gesetzgeber in vielen Ländern ihren Regulierungsansatz diff erenzieren und das Verbot von ausländischem Versicherungsschutz für international tätige Versicherungsnehmern teilweise aufheben, und zwar idealerweise nach weltweit einheitlicher Defi nition. Dies ist sicherlich eine sehr ambitionierte Zielsetzung, wobei aber das Prinzip diff erenzierter Regulierung in der Versicherungsaufsicht im Prinzip schon umgesetzt wurde, bspw. in § 210 Versicherungsaufsichtsgesetz.

FERMA wird IFRIMA darin unterstützen, diese dysfunktionalen Bestimmungen der aktuellen Regulierung von IVPs zu reformieren und damit deren Wirkungsgrad für alle potentiell Versicherten weltweit merklich zu erhöhen.

Dirk Wegener,
Vice President, FERMA – Federation of European Risk Management Associations
 

 

 

Dieser Beitrag ist Teil der aktuellen Ausgabe des Handelsblatt Journals „Versicherung“, das Sie hier erhalten können: